Momentan kocht ja diese ganze Geschichte mit Öttinger ziemlich hoch. Eigentlich wollte ich mich dazu nicht äußern sondern mir einfach meinen Teil dazu denken. Nachdem ich jetzt aber in einigen Gesprächen festgestellt habe, dass einige die Aussagen Öttingers gehörig zu unterschätzen scheinen will ich doch ein paar Worte darüber verlieren.
Öttinger hat Filbinger geehrt, Öttinger hat ihn als Gegner des Nationalsozialismus geadelt, Öttinger ist Mitglied in rechtsextremen Think Tanks. Gut soweit. Das ist kritikwürdig und hat verdientermaßen sein Medienecho bekommen. Mir wäre es auch lieber Öttinger würde für diese Aussagen zurücktreten, aber er wird es nicht tun. Viel bedeutsamer, als die Frage, ob er sich einen politischen fauxpas geleistet hat ist die nach der Botschaft, die er damit eigentlich transportiert. Es ist nicht egal, ob Öttinger Filbinger ehrt, aber es ist von geringerer Bedeutung wie das Bild, das er über die Schuld der Deutschen im Nationalsozialismus transportiert wird.
Öttinger transportiert mit dieser Rede ein Bild, das sich den Deutschen nach dem zweitern Weltkrieg immer gut gefallen hat. Er transportiert die Botschaft, dass es keine Kollektivschuld der deutschen gegeben hat. Nun ist Kollektivschuld ein böses Wort und man sollte sich darüber Gedanken machen, was das wirklich bedeutet. Die Frage der Kollektivschuld, also die Frage dannach, ob der Faschismus und der Holocaust nur von den Eliten der NSDAP ausging, oder ob das sich das ganze deutsche Volk schuldig gemacht hat wurde nach dem dem Fall des Dritten Reichs heftigst diskutiert. Die Deutschen wehrten sich erbittert dagegen, als “Tätervolk” abgestempelt zu werden, mit der Zeit wurde die Diskussion jedoch weniger emotional geführt und verlief dann irgendwann im Sande. Die Generation der 68er stellte die Frage nach der Schuld, eine Generation später, also heute fragen viele, warum man immer wieder an die deutsche Schuld im Nationalsozialismus erinnert werden muss. Innerhalb dieser neuen Diskussion wird immer wieder betont, dass Deutsche doch stolz sein können auf ihr Land, Patriotismus keine Sünde ist und das Dritte Reich eben auch irgendwann einfach “Geschichte” sein muss.
Die Gefahr, die dieser Diskussion innewohnt und die auch durch Öttingers Rede transportiert wird ist folgende: es wird vergessen, dass unabhängig von der Schuldfrage die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht vergessen werden dürfen. Dabei findet eine Relativierung statt, die wie in der Rede des Ministerpräsidenten bizarre Züge annehmen kann. Durch eine Ehrung der Verdienste Filbingers (der Mann hat nicht sein ganzes Leben lang Menschen zum Tode verurteilt) wird er zum Nazi-Gegner. Das darf nicht sein. Öttinger betont die Zwänge, in denen sich Filbinger befand und stilisiert ihn zum Regimegegner hoch. Die Zwänge wurden auch schon in der Kollektivschulddebatte immer wieder angebracht. Trotzdem war der Nationalsozialismus nichts, was nur von den Eliten getragen wurde, Fremdenfeindlichkeit war tief in der Gesellschaft verwurzelt. Die Zwänge allein, denen die Deutschen zweifelsohne ausgesetzt waren macht aus ihnen kein Volk des Widerstandes. Eine Relativierung der Schuldfrage durch die Zwänge ist schön für ein neues Patriotismusgefühl, für den Stolz die Flagge zu zeigen und sich wohl zu fühlen als Deutscher. Damit fischt Öttinger nicht am nur am rechten Rand, erer versucht auch die Geschichte dahingehend zu verändern sie zu vergessen bzw die Erinnerung für deutsche erträglich zu machen. Im Sinne eines gesunden Nationalstolzes wie man so schön sagt.
Das relativiert jedoch nicht in erster Linie die deutsche Geschichte sondern vor allem die Verbrechen des Nationalsozialismus. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus hieß es einmal. Das resultierte aus der Erinnerung. Je mehr und je öfter aber die Botschaft transportiert wird, es seien ausschließlich Eliten gewesen, welche die Shoa und einen Weltkrieg zu verantworten haben, desto mehr geraten diese in Vergessenheit und desto eher wird vergessen werden warum wir nie wieder Krieg und nie wieder Faschismus haben wollten.