Gestern fand in Bundestag in Berlin ein Fachgespräch der Grünen mit dem Titel “Bürgerrechtsschutz im digitalen Zeitalter” statt. Dabei waren unter anderem unser BKA-Chef Ziercke, der seine Werbetour für den Bundestrojaner fortsetzte, aber auch starbug und Constanze Kurz vom CCC. Zusammenfassungen gibts bei netzpolitik und heise. Wieder mal ein paar Gedanken dazu von mir:
Ich teile die Einschätzungen von starbug, Constanze und Andreas Pfitzmann, Informatikprofessor an der TU Dresden, dass es sich bei dem Bundestrojaner oder wie auch immer man die eingesetzte Software nennen mag um eine nicht zu kontrollierende Software handelt. Pfitzmann ging so weit, dass er sich extremst verwundert darüber zeigen würde, wenn die Kenntnisse beim BKA die in der Forschung übersteigen würden. Das bezog er auf die Programmierung eines universellen Trojanischen Pferdes. Er meinte, so etwas könne nur jemand planen, der keinen blassen Schimmer von Informatik habe, Ziercke “konterte”, er sage nur, was sein Mitarbeiter aufschreibe. Klasse argument, das meinte Pfitzmann auch und forderte Ziercke auf den entsprechenden Mitarbeiter zu einer runder Informatiker zu schicken um sich den Spott abzuholen. Mal im Ernst, das ist vollkommener Blödsinn was Ziercke da von sich gibt und er hat offensichtlich keine Ahnung worüber er eigentlich Spricht. Im Raum stehen bleibt die in meinen Augen richtige Einschätzung, dass das Schreiben von “fehlerfreier Software extrem schwierig” ist und das schicken von “fehlerfreier Software in eine ungenaue [unbekannte] Umgebung fast unmöglich”.
Markus Mitschrift auf netzpolitik.org gibt zeigt aber noch einige weitere Interessante Punkte auf, wo sich Ziercke wohl total verrannt hat. Er begann seinen Vortrag wohl mit dem Gruselkabinett der Terrorgeschichte, also mit einer Aufzählung der Terroranschläge der vergangenen Jahre. Ziercke macht also wieder mal einen auf Terrorhysterie. Neben dem Terrorismus gibt es für ihn aber noch weitere große Bedrohungen: Phishing, Botnetze, Kinderpornographie, Rechtsextremismus. Für ihn ist die Gefährdung der Privatssphäre nicht so gravierend, man könne ja gezielt nach Schlüsselworten suchen und müsse nicht 300 GB ans BKA schicken. Das ist doch mal ein richtig zukunftsträchtiger Plan. Das passt total in die Realität. Die Rückfrage von Markus, Schlüsselworte könnten ja beliebig ausgetauscht werden, wurde nicht beantwortet. Also auch ein Schuss in den Ofen. Wenn “die Bombe” dann als Schlüsselwort zu “meinem Schatz” wird, dann wars das also mit Privatssphäre.
Dann kam aber der absolute Hit. Der Quellcode des Verfahrens könnte ja beim Richter hinterlegt werden und auch der CCC könne es ja hinterher überprüfen. Ich gehe mal davon aus, dass er das mit mit einem NDA-Knebelvertrag verbunden sieht. Also das schießt den Vogel jetzt wirklich ab. Wie stellt der Mann sich das vor? Soll jeder Jurist 6 Semester Informatik studieren um zu erfahren was da vor ihm liegt? Dann kann er vermutlich ansatzweise nachvollziehen, wo in dem Code vielleicht ein Fehler zu finden ist, wo die Privatsspähre aufs übelste mit den Füßen getreten wird etc. Das ist nun wirklich der Abschuss. Die Frage wie dem Richter das ganze vorgelegt werden soll tauchte natürlich auch auf. Auf CD? In Akten? Als Demotape?
Aber Ziercke gibt sich weiterhin Mühe uns alle zu beruhigen:
“Die Software, die wir nutzen wollen, ist keine Schadsoftware, kein Bundestrojaner, nein, die haben eine Steuerungskomponente, um sie auszuschalten”.
Oh, eine Steuerungskomponente. Schöne Idee, das verursacht zwar erstmal bissel mehr Code, aber immhin sind sie nicht auf die Idee gekommen einen vollautomatischen Trojaner zu schreiben, der alle Daten sammelt und abschickt. Nein, man kann ihn nach meiner Lesart wohl von außen deaktivieren und so wie es den weiteren Ausführungen zu entnehmen ist mit einem bestimmten Zeitfenster versehen, damit er dann wieder anfängt zu funken und auf Anfragen von außen zu reagieren. Nun. Ist das ein guter Plan? Klingt schön, klingt sicher, klingt überzeugend. Fast.
Wer kann das ding ausschalten? Wer stellt sicher, dass der Trojaner nur vom BKA gesteuert werden kann? Klar kann man da viel machen, aber man kann auch mit reverse-engineering viel machen. Das Teil wird imho verdammt aufwendig und verdammt groß, wenn man es mit Crypto, Fingerprints usw. versieht, damit es _nur_ vom BKA gesteuert werden kann. Das bedeutet aber auch wiederum, dass es noch schwieriger wird, den einen, den ultimativen Trojaner zu erschaffen. Nun gut. Aber es verspricht lustig zu werden, wenn das Ding eine API besitzt, um mit der Außenwelt zu kommunizieren und Befehle entgegen zu nehmen. Damit könnten wir noch richtig viel Freude haben, happy hacking!
Aber Ziercke wird nicht Müde, zu betonen, es handle sich nicht um einen Trojaner und meint “Das BKA wird keine Schadsoftware in Umlauf bringen”. WOW. Die machen also nichts kaputt außer meiner Privatssphäre? Toll. Nungut, die meisten Menschen da draußen glauben eben, Trojaner hätten als Ziel, den Computer lahm zu legen mit eben einer Schadensroutine. Das ist aber ein Nebenkriegsschauplatz. Das sind oftmals Viren und Würmer, Trojaner haben andere Ziele. Ein Trojaner hat ein Ziel, dass er erfüllen soll, sei es das ausspähen von Kontoinformationen, die Schaffung eines Botnetzes, [Industrie-]Spionage oder eben ganz normale Überwachung, wie vom BKA geplant. Wenn ein Trojaner also eine Schadensroutine hat, dann macht er sich sein gerade erobertes Terrain wieder zu nichte und er kann nichts erreichen. Trojaner haben keine Schadensroutine, zumindest keine, die den Betrieb des Rechners stören soll.